Meine Geschichte


Angst hat 1000 Gesichter

Jeder erlebt seine Angst ein wenig anders. Viele Geschichten ähneln sich, driften aber irgendwann auseinander. Selbst die Symptome der Angst und die Angstbewältigung sind höchst individuell. Deshalb kann ich nur meine eigene Geschichte erzählen. Konkret. Einfach. Ehrlich. Ich bin aber nur „Fachmann“ meiner eigenen Erfahrungen, kein Therapeut. Insofern ist mein Erfahrungsbericht ein Angebot, Ängste einmal aus einem anderen, vielleicht positiveren Blickwinkel zu sehen. Und noch was: Es gibt immer mehrere Betrachtungswinkel: die Phase der akuten Erkrankung und die Sichtweise nach einigen Jahren Abstand. Ich behaupte nicht, alles sei ganz einfach, aber es lohnt sich, sich auf den Weg zu machen zu mehr Lebensfreude.

Angst zu sterben

Meine erste Panikattacke erlebte ich 1996 in einer Stresssituation auf meiner Arbeitsstelle: ich hatte das Gefühl als bekäme ich einen Stromschlag, meine Gesichtsfarbe wich, Schwindel stellte sich ein, die Knie zitterten und ich dachte, ich würde den Boden unter meinen Füßen verlieren. „OK, das war’s, jetzt muss ich sterben!“ Ich wurde aufgefangen, zum Arzt gebracht. Untersuchungen, EKG. Kein Befund. Alles in Ordnung! Alles in Ordnung? Nein! Meine Welt war aus den Fugen geraten. Zwei Gedanken beherrschten mich fortan: 1. „Was war das? Bin ich jetzt ernsthaft krank?“ 2. „So etwas möchte ich nie mehr haben“, zu diesem Zeitpunkt unwissend, dass genau diese Gedanken der nächsten Panikattacke bereits förderlich sind.

Mir ging es von Tag zu Tag schlechter, die Panikattacken häuften sich. Hinzu kamen soziale Ängste und Platzängste, insbesondere in Situationen, in denen ich stehen musste, z.B. in Kaufhauschlangen, bei Empfängen, beim Shoppen, beim Essen, im Kino, im Konzert, bei Geburtstagsfeiern usw. Ich wollte immer möglichst schnell raus aus der entsprechenden Situation und war ständig auf der Flucht. Zuletzt klopfte ich alle Termine ab, ob ich sie auch durchstehen könnte, nicht selten nach einer Ausrede suchend, den Termin abzusagen. Vermeidungen gewannen die Oberhand. Dadurch wurden alle Ängste noch schlimmer. Die Angst vor der Angst lähmte mich immer mehr. Die eigenen vier Wände waren der (vermeintlich) einzige Schutz. Selbstbewusstsein und Selbstachtung im „Keller“, keine Lebensfreude und bohrende, so genannte Katastrophengedanken über meine private und berufliche Zukunft. Gedankengebilde, die nie eintraten!

Verhaltenstherapie in der Klinik

In dieser Situation kam ich zur Besinnung: „Ich will etwas tun“. „Ich möchte wieder gesund werden“. Die beiden wichtigsten Sätze meiner Angstbewältigung!

Bei meinen ersten Bemühungen hatte ich starke Helfer, nämlich das Glück, ziemlich schnell eine Therapeutin zu finden und meine Ehefrau, die mich nicht unter zusätzlichen Druck setzte. Davon hatte ich mir schon selbst genug aufgebaut. Ich hatte ihr Mitgefühl und ihr Verständnis. Ich lernte das Wesen der Angst kennen, meine Krankheit war (be-) greifbar und – ich war nicht allein.

Dennoch: ich trat auf Empfehlung eine stationäre, therapeutische Behandlung in einer Klinik in Norddeutschland an und blieb dort insgesamt 11 Wochen. Einfach ausgedrückt war es eine Verhaltenstherapie, die darauf abzielte, mich mit meinen Angst auslösenden Situationen zu konfrontieren.

Ich erkannte das Wesen der Angst, wie sie „funktionierte“. Hielt ich ihr nur lange genug stand, erschöpfte sie sich und verschwand wieder. Ich machte in der Klinik meinen Angst-Führerschein. Mir war bewusst: Irgendwann saß der Fahrlehrer nicht mehr neben mir und ich musste mein Leben wieder alleine steuern.

Ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik ist keine „Kur“ im herkömmlichen Sinn, sondern harte Arbeit an und mit sich selbst.

Die wichtigen Erkenntnisse daraus kamen später: Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Zeit für mich abseits aller familiären und beruflichen Verpflichtungen. Ich lernte, den ganzen Tag mit mir zu verbringen, mich kennen zu lernen, mich zu ertragen, mich mehr zu lieben… Insgesamt war ich fünf Monate krankgeschrieben. Nach dem Klinikaufenthalt ging ich sofort wieder arbeiten.

Obwohl es Stillstände und Rückschritte gab, ging es mir stets besser, bis nach etwa drei Jahren keine Panikattacken mehr auftraten.

In der Rückschau war meine erste Panik lediglich ein logischer Vulkanausbruch, der sich über 15 Jahre fortlaufend entwickelte. so, als würde man in einen Eimer immer nur einen Tropfen Wasser eingießen: trotzdem läuft irgendwann das Wasser über.

Ursachen meiner Ängste

Trauer, schlimme persönliche Erlebnisse, berufliche Unzufriedenheit, Gewalt, Krankheit, Verkehrsunfälle – all diese „Schicksalsschläge“ mögen mit dazu beitragen haben, mich krank werden zu lassen.

Doch da war mehr: braves, angepasstes Einzelkind, das nie aufmuckte, Perfektionismus, die Unfähigkeit, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren… Ich zeigte Anderen gegenüber nicht auf, wo meine Grenzen sind („Stopp, bis hierhin und nicht weiter!“), war stets auf der Suche nach Anerkennung, „verbog“ mich dafür und tat Dinge, die ich gar nicht wollte.

Ich hatte auch einen weit verbreiteten Sprachfehler: Ich konnte nicht „Nein!“ sagen. „Irgendeiner muss es ja machen!“ Ich setzte mich sehr für meine Mitmenschen ein, oft gefrustet weil kein „Danke“ kam. Ich war für alle da, nur nicht für mich selbst.

Die Botschaft der Angst

Mir war klar, dass ich genau an diesen Themen arbeiten sollte, denn sie hatten mich krank gemacht. Das war der Teil der Therapie, den ich übernehmen sollte. Fachliche Hilfe annehmen „Ja“, aber irgendwann erkennen: „Ich bin die wichtigste Person meiner Angstbewältigung, ich bin der Steuermann meines Lebens!“

Ich lernte, die Angst zu (be-)greifen, akzeptierte sie, redete mit ihr und fragte sie, warum sie zu mir gekommen sei. Sie gab mir zur Antwort, ich müsste mein Leben überdenken. Viele Verhaltensweisen von mir führten in die falsche Richtung, meinte sie. Ich müsse lernen, mich mehr zu lieben, nicht zu schnell zu sein, mehr zu lachen, Pausen zu machen, Prioritäten im Leben zu setzen, Fehler als natürlich anzusehen, mehr zu glauben, zu vertrauen, eben insgesamt mehr zu leben. Das Leben sei ein ständiger Lernprozess. Ich solle neugierig sein und alles akzeptieren, was mir widerfährt. Es habe alles einen Sinn. Ich bemerkte, dass alle meine bisherigen Bemühungen umsonst waren. Der Wille, meine Angst zu besiegen, sie so schnell wie möglich wieder los zu werden wie ein lästiges Anhängsel, brachte mich keinen einzigen Schritt nach vorne.

Erst die Akzeptanz der Angst und Erkennen ihrer Sinnhaftigkeit gab mir einen wesentlichen Schub nach vorne. Trotzdem machte ich regelmäßig Sport, Entspannungsübungen (Muskelentspannung nach Jacobsen), Angstübungen, relativierte Einstellungen, die mir das Leben schwer machten, beschäftigte mich mit dem Tod (um besser leben zu können), den ich bisher ignoriert hatte. Ich bekam (sinnvolle) Ecken und Kanten, grenzte mich ab, lernte „Nein“ zu sagen. Ich führte viele Gespräche mit Ehepartner, Eltern und Kindern und wagte mich flexibel auch mal auf bisher fremdes Terrain. Mir wurde bewusst: Ich kann es nicht jedem Recht machen und nicht jeder liebt mich. Das ist einfach Realität. Heute danke ich der Angst, dass sie da war. Denn durch sie konnte ich mein Leben neu überdenken, quasi eine Standortbestimmung durchführen im Sinne von „Will ich so weiterleben?“ Ich gehe mit mir selbst besser um, bin etwas netter zu mir, habe bessere, ehrlichere Beziehungen und Freunde, fühle mich echter und habe wieder mehr Lebensfreude gewonnen. Ich habe dadurch auch meine spirituelle Seite entdeckt.

Restangst als „Wachtposten“

Ich werde oft gefragt: „Bist Du nun geheilt?“ Nun – zeitweilig gibt es Restängste. Die aber nur dann, wenn ich mir selbst wieder zu viel Termine auf einmal gesetzt habe. Sehe ich die Angst als Wachtposten, nicht mehr in alte Verhaltensweisen zurück zu fallen, so kann ich mich mit der Restangst gut arrangieren.

Ich bin nach fast 10 Jahren Abstand nicht „Supermann“ und schmunzele, wenn ich von Zeit zu Zeit darauf hingewiesen werde, es sei „an der Zeit, wieder mal in meine eigenen Bücher zu sehen“.

Verhalten und soziales Umfeld

Ich habe mich in den Jahren meiner Angstbewältigung vom Verhalten her verändert. Zu begrüßen ist auch das „Mitwachsen“ des Lebenspartners.

Es kann aber sein, dass Ihre Verhaltensänderung den Menschen Ihres Umfeldes nicht schmeckt und sie sagen „Früher warst Du mir lieber“ und „Du hast Dich aber sehr zu Deinem Nachteil verändert“. Vorausgesetzt, Sie haben sich nicht vom Paulus zum Saulus verwandelt, vom Ja-Sager zum „Grantler“ entwickelt, (Umgangssprache, für jemanden der an allem etwas auszusetzen hat und unzufrieden ist), so können Sie diese Bemerkungen ruhig als Kompliment ansehen und Hinweis, dass Sie auf dem richtigen Weg sind.

Unterschiedliche Sichtweisen – nur Mut!

Ich bin mir bewusst, wie sehr die Betrachtungsweisen während (Befürchtungen, Sorgen, Grübeleien) und nach (Reife, Erkenntnisse) der Krankheit differieren. Ich verstehe gar, wenn jemand, der mitten in seinen Ängsten steckt, meine Thesen vorerst ablehnt. Sich seinen Ängsten zu stellen heißt aber, zurück zu neuer Lebensfreude zu finden. Machen Sie sich auf den Weg. Nur Mut!

Copyright © Roland Rosinus