Aus der Dunkelheit ans Licht (Buch)


Das Buch ist ein Erfahrungsbericht aus der Sicht eines ehemals Betroffenen. Mutig, einfache, konkrete Sprache, emotional, treffend!

Roland Rosinus möchte die Angsterkrankung aus der Tabu-Ecke nehmen und Mut machen, sich auf den eigenen Weg aus der Angst zu machen.

Geeignet für Betroffene, Angehörige, Freunde, aber auch für Therapeuten und zur Prävention. Fachliche Hilfe ist notwendig, aber zugleich ist ein „Eigenanteil“ an der Angstbewältigung erforderlich. Neben seiner eigenen Geschichte gibt der Autor wertvolle, alltagstaugliche und praktikable Tipps.

Leseproben


Einleitung 8
Der Zusammenbruch – Wie alles anfing 10
Arzt oder Heilpraktiker? 17
Verlauf der Erkrankung und Erklärungsversuche 18
Wissenswertes zum Thema Angst 19
Angst als Urgefühl 20
Bio-chemische Prozesse 20
Angstsymptome 21
Angst als Krankheit 25
Angst / Depression 26
Der Angstkreislauf und die Angst vor der Angst 27
Formen der Angst 30
Folgen der Erkrankung und Reaktionen des sozialen Umfeldes 32
Mein persönliches Angstbewältigungstraining 35
Diagnose „Angsterkrankung“ – was nun? 35
Bestandsaufnahme 36
Positive und negative Aspekte – eine Gegenüberstellung 36
Die ersten Bausteine 38
Informationen über Angst immer wieder lesen 38
Fachliche Hilfe annehmen 39
Die Angst akzeptieren 40
Die Funktion der Angst 40
Austausch mit Betroffenen 43
Das Versteckspiel aufgeben 45
Vermeidungen aufgeben 46
Führen eines Angsttagebuches 47
Beispiel 47
Durchführen von Angstübungen (Grundsatz der Schriftlichkeit) 48
Vorbereitung der Angstübungen 49
Die Regeln der Angstkonfrontation 51
Eine Angstübung in der Praxis 52
Ein weiteres Beispiel 53
Panikregeln 54
Angstübungen zu Hause 55
Schritt für Schritt die Angst verlieren 57
Mit seiner Energie haushalten 58
Weitere Möglichkeiten zur Verbesserung des Energiehaushaltes 60
Die Realität sehen 62
Realistische Ziele setzen 63
Verzicht auf Medikamente und Alkohol 65
Das Arbeiten an meinem Ich-Bild 67
Die Veränderung des Selbstgespräches 68
Überprüfung meiner Einstellungen zum Leben 71
Wie sieht eine Einstellungsänderung in der Praxis aus? 77
Ein praktisches Beispiel 78
Wahrnehmen, was ich denke und sage 79
Stop-Sätze 79
Sprechen mit der Angst 79
Spiegelarbeit 80
Vorstellungsübungen 81
Affirmationen 82
Schuldgefühle aus seinem Leben verbannen 84
Sozialcourage – Selbstsicherheit im Alltag 86
Beispiele für Wollen und Nichttun / Nichtwollen und Tun 86
Entspannungsübungen 90
Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen 92
Praktische Übungsanleitung 94
Die muskuläre Entspannung in gedanklicher Form 103
Autogenes Training 106
Sonstige Entspannungsübungen 107
Entspannen mit Musik 107
Atemübungen 107
Gestalttherapie 109
Sport 110
Sauna 110
Körperpflege 112
Liebevolle Beziehungen 113
Mit dem Partner 113
Partnerschaft mit den Kindern 114
Ein guter Freund – eine gute Freundin 116
Herzlich und höflich sein 116
Loslassen 118
Mit Haßpersonen ins Reine kommen 119
Das Gebet 120
Noch ein paar Anregungen 121
Etwas ausprobieren – „verrückte“ Dinge tun 121
Angstbewältigung – Vorsicht, Glatteis! 122
Die Stufen der Angstbewältigung 122
Die 5 Phasen des Umlernens 123
Selbstzweifel 125
Stillstand – Rückschritt – Fortschritt 127
Perfektion bei der Heilung – Vorsicht! 128
Verhaltensänderung und Umfeld 129
Angst und Sport 130
Angst und Gesellschaft 132
Schlusswort 135
Für Erfahrungsaustausch und den Bezug der Kassette 136
Besuchen Sie mich im Internet 136
Literaturhinweise 137

Sich selbst finden heißt…
die Angst vor dem Leben überwinden.
Anonym

EINLEITUNG

ANGST!!! Nichts be-HERR-schte mich die letzten 10 Jahre mehr als dieses Gefühl. Sie schnürte mir die Kehle zu, ließ mein Selbstbewußtsein gegen Null sinken. Sie nötigte mich zum Rückzug von Menschen, selbst von denen, die ich liebe oder mag. Sie bescherte mir Körpergefühle von einer nie gekannten Intensität. In Situationen der Panik glaubte ich sterben zu müssen. Angst begleitete mich den ganzen Tag: Angst, Angst, Angst, morgens wenn ich aufwachte, den Tag über im Beruf und in der Familie und abends beim Schlafen gehen. Ich hoffte abends, sie möge verschwinden, doch morgens war sie pünktlich wieder da, so, als wollte sie mich an etwas erinnern. Erinnern Sie sich an das Vorwort von Herrn Klein: Wer Angst hat, öffne sich und suche Menschen, die Zeit für Gespräche haben. Ich danke diesen Menschen, die Zeit für mich hatten. Von Mit-Betroffenen habe ich am meisten gelernt. Ich schrieb dieses Buch für Menschen, die angstkrank sind. Ich erzähle meine Geschichte schonungslos offen. Das Buch erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Vollständigkeit. Vielmehr möchte ich aus der Sicht eines Betroffenen zeigen, wie eine Angstkrankheit entstehen kann, wie sie sich hält, aber auch, wie ich mit ihr umgehen kann. Angst ist heilbar. Es ist ein langer Weg, auf den ich mich begeben habe. Die Chance und der Glaube, daß sich der Weg lohnt, ist meine Motivation. Ich kann nur gewinnen.

Ich würde mich freuen, wenn meine Geschichte anderen Menschen helfen könnte, sich ebenfalls auf den Weg zu machen.


Wenn die Hoffnung aufsteht,
legt sich die Verzweiflung schlafen…
Unbekannt

DER ZUSAMMENBRUCH – WIE ALLES ANFING

In meinem Kopf ist ein Datum wie mit Leuchtziffern eingebrannt: 05. November 1996. Ein Jahresrückblick zeigte mir, wie viel ich mir wieder zugemutet hatte. Ich hatte einen Posten als Gewerkschaftsvorsitzender angenommen, war als Dozent für Entspannungsübungen an der Volkshochschule tätig und leitete als Trainer eine Lehrer-/Eltern-Gruppe. Mein Beruf als Polizeibeamter in leitender Position im Wechseldienst forderte mich voll. Zum Ausgleich „ein wenig Sport“, ehrgeizig und verbissen: Tennis, Tischtennis, Laufen, Fußball. Ja – und irgendwo war da noch meine Familie. Ich versuchte allen gerecht zu werden, nur mir nicht. Nach außen hin wirkte ich souverän und ausgeglichen, doch innen brodelte es bereits. Mein Verstand sagte mir: Roland, brems! – doch ich konnte oder wollte die Bremse nicht finden. Bis ich an jenem 5. November jäh gestoppt wurde. Ich hatte Frühdienst, eigentlich ein Tag wie jeder anderer. Eigentlich? In der Nacht hatte es stark geschneit, für saarländische Verhältnisse Winter pur.

Ich war alleine und saß am Leitpult der Polizei. Die Kollegenfuhren von einem Verkehrsunfall zum nächsten. Als Dienstgruppenleiter bin ich sehr oft alleine mit den 4 Telefonen, 3 Funkgeräten, der Bank- und Brandmeldeanlage und einigen 11 Haus- und Türdrückern. Empfangen, Betreuen und „Verteilen“ des Publikumsverkehrs gehörte ebenfalls zu meinen Aufgaben. An diesem Morgen standen die Telefone nicht still. Jeder Bürger wollte wissen, welche Straßen gesperrt sind, natürlich den nächsten Weg unter diesen Umständen und warum der Streudienst immer zuletzt in ihrem Viertel auftauche, obwohl er schließlich auch seine Steuern bezahle. Mir wurden wegen Sperrungen, aber auch Nichtsperrungen Dienstaufsichtsbeschwerden angedroht von Leuten, die nach eigenen Angaben beste Beziehungen nach „oben“ hätten. Ich würde schon sehen, wo ich hinkäme. Für einen Polizisten Realität, ein normaler Alltag mit Schwierigkeiten, deren Bewältigung mit entsprechender Gelassenheit möglich sein müßte. Ich möchte auch nicht falsch verstanden werden: Ich liebe meinen Beruf und gab ihm nicht die Schuld an meiner Erkrankung. Ich denke sogar, der Beruf ist austauschbar: Krankenschwestern, Lokführer, Lehrer, Sprengmeister, Versicherungsangestellte… u.v.a.

Doch heute kroch in mir das Grauen hoch, jeder Anruf ließ meinen Adrenalinspiegel steigen. Ich war nervös, unruhig, zuckte unaufhörlich und wurde zunehmend aggressiv und hilflos. Alles schien mir über den Kopf zu wachsen. In mir schrie etwas: Aufhören! Laßt mich in Ruhe! Bitte keine Anrufe mehr! Doch die nächsten Anrufe kamen… gleichzeitig… immer wieder und wieder… „Man müßte mehr tun in der Kreisgruppe der Gewerkschaft“, meinte ein Anrufer, und ein Bürger wollte wissen, ob der Flughafen Saarbrücken vereist sei, der nächste verlangte einen Soforteinsatz, weil Kinder auf seinem Bürgersteig Schlitten fuhren.

Schließlich kamen die Kollegen von ihren Einsätzen zurück. Von Entlastung keine Spur, jetzt begann ihre Schreibarbeit. Plötzlich bekam ich von meinem Körper eine Lektion erteilt, die ich so schnell nicht vergessen sollte. Daß ich in diesem Moment immer noch versuchte, souverän zu bleiben, obwohl alles um mich herum schwankte, gehört wohl zum Krankheitsbild der Angst. Jedenfalls wurde mir plötzlich übel, der Körper erstarrte regelrecht. Es war, als würden tausend Stromstöße meinen Körper lähmen. Ich dachte noch: Jetzt ist alles aus, krallte mich an den nächsten Kollegen und hielt mich fest. Ich hatte keinen Boden mehr unter den Füßen. Als die Kollegen die Lage erfaßt hatten, stützten sie mich und setzten mich auf die Eckbank im Sozialraum. Der Spuk dauerte fünf Minuten, dann war er vorbei. Doch der Eindruck war so nachhaltig, daß er mein ganzes Leben verändern sollte. Zurück blieb unmittelbar danach eine große Angst. Ich zuckte und zitterte am ganzen Körper, hatte Angst, einen Herzinfarkt zu erleiden, und dachte pausenlos nur: Was war das? Meine Gedanken hämmerten. Nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte, fuhr mich ein Kollege zu meinem Hausarzt. Das Ergebnis war verwunderlich: EKG in Ordnung, normaler Blutdruck, ohne Befund. Ich bekam eine Beruhigungsspritze. Doch mein Leben war aus den Fugen. Ich hatte eine Panikattacke erlitten (das erfuhr ich erst später). Wer jemals eine solche Panik-attacke erlebt hat, denkt nur noch: So etwas will ich nicht noch einmal haben. Genau diese Denkweise nährt den nächsten Anfall, in immer kürzer werdenden Abständen. Ich schleppte mich so über den Jahreswechsel hinaus, begleitet von düsteren Gedanken, depressiven Phasen und dem Bewußtsein Es wird immer schlimmer.

Ab 08. Januar 1997 – knapp 2 Monate nach dem ersten Anfall – besuchte ich ein Gewerkschaftsseminar. Vielmehr, ich wollte! Ich bemerkte gleich die Gegenwehr meines Körpers. Ich konnte mich nicht konzentrieren, zuckte und würgte. Die Themen, die mich sonst interessierten, kotzten mich nun regelrecht an. In einer Pause konnte ich die Kontrolle über mich nicht mehr aufrechterhalten. Ich weihte den Landesvorsitzenden ein, packte meine Sachen und fuhr nach Hause. Tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf. Am ausgeprägtesten waren die Gedanken, versagt zu haben. Zukunftsangst – Was wird aus mir? Was wird aus meiner Familie, unserem Haus, wenn ich nicht mehr arbeiten kann? Werde ich verrückt? – war ab sofort mein ständiger Begleiter. In meinem Kopf spielten sich nur noch Katastrophen ab. Am größten war die Angst zu sterben. Der Hausarzt erschien, wollte mich für sechs Wochen in die Psychiatrie einweisen. Meine Therapeutin (denn ich war zwischenzeitlich in psychotherapeutischer Behandlung) machte mir Mut, es noch mal mit einer ambulanten Therapie zu versuchen. Ich war dienstunfähig. Ich bekam starke Beruhigungsmittel, die die Angst lösten. Die Entspannung war trügerisch, betäubte nur die Gefühle. Meiner Ehefrau und den Kindern sah ich ihr Entsetzen an. Doch meine Frau ließ den Kopf nicht hängen, kämpfte. Meine Eltern und Schwiegereltern verstanden die Erkrankung nicht, waren ratlos. Wie auch?! Freunde und Sportkameraden waren fassungslos. Wer? Roland? Der doch nicht! Ein so ruhiger und ausgeglichener Mensch! Ich mochte niemanden sehen und nicht weggehen. Ich schlief nicht mehr gut, schreckte hoch, hatte Träume voller Müll. Nach nächtlichen wilden Zuckungen hielt ich mich krampfartig am Bettkasten fest, in der Erwartung, jederzeit einen Herzinfarkt zu bekommen. Ich dachte, ein Körper kann das doch nicht aushalten. Ich hatte Angst, die Kontrolle zu verlieren, Angst, verrückt zu werden, Angst zu sterben, Angst, Angst, Angst… nur noch Angst. Fünf Minuten Besuch, selbst von mir geliebten Menschen, gingen an den Rand meiner Kräfte. Kein Autofahren, kein Sport. Es war schrecklich, alleine zu sein.10 Minuten am Abend spazieren zu gehen verlangte mir meine ganze Kraft ab. Ich hatte keine Energie mehr. Ich dachte: Hoffentlich bleibt keiner bei mir stehen, ich schwanke, ich falle um. Dann käme der Krankenwagen. Das wäre schrecklich. Wie peinlich! Ich kann nicht mehr stehen. Es war, als würde sich eine Erdspalte auftun. Festhalten, nur noch festhalten! Ich hatte auch den Eindruck, den Tag nicht zu schaffen. Nur zwei Stunden nach dem Aufwachen schaute ich auf die Uhr, verstand nicht, warum ich schon wieder erschöpft war. Ich flüchtete mich häufig in einen oberflächlichen Schlaf.

Die Zeit zu Hause wurde mir zu lang. Ich wurde zunehmend ungeduldiger. Ich starrte die Wand an. Ich dachte an Selbstmord, machte aber nie Anstrengungen, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Das war nicht mein Ding! Zeitweise ging es auf und ab. Der verhängnisvolle Satz „Du bist aber blaß!“ ließ mich direkt wieder abstürzen. Und dennoch! Ich gab nicht auf. Einem „Widder“ sagt man ja nach, daß er sich immer wieder aufrichtet, wenn er wie ein Käfer auf dem Rücken liegt. Ich fing langsam an, unter die Leute zu gehen. Ein kurzer Einkauf, die Spaziergänge wurden wieder länger. Ich durfte mir nicht zu viel zumuten. Ein Besuch auf der Dienststelle brachte mir einen Schweißausbruch ein. Ich zitterte leicht. Zu diesem Zeitpunkt fing ich an, mich mit meiner Krankheit auseinanderzusetzen. Ich holte meine Tochter ab, obwohl ich panische Angst davor hatte. Ich stellte mir das Schlimmste vor, was passieren könnte, es war aber gar nicht so schlimm. Zudem traten die Katastrophen im Kopf nie wirklich ein. Meine Frau nahm mir den Ernährer- und Beschützerdruck: „Wir gehen nicht unter, egal, was passiert!“ Meine Stimmungen waren zwar schwankend, aber ich wurde insgesamt optimistischer. Nach schlechten Tagen folgten jetzt wieder bessere. Ich konnte auf einen Geburtstag gehen und auch wieder geringfügig Sport treiben.

Hatte ich mich vorher versteckt und geschauspielert, akzeptierte ich nun nach und nach, daß ich krank war. Ich öffnete mich gegenüber meinem Umfeld und erzählte von meiner Krankheit. Für manche Menschen schien dies wie eine Befreiung gewesen zu sein, kamen sie doch nun ebenfalls aus der „Böschung“. Ich erfuhr: viele Menschen haben Angst und körperliche Streßreaktionen. Zwar noch schwach ausgeprägt, kam mir der Gedanke, daß die Angst ein Warnsignal war, also eine Funktion hatte. Wahrscheinlich sollte ich mich mehr um mich kümmern, Prioritäten setzen. Während dieser Phase kam der Vorschlag meiner Therapeutin, in einer Fachklinik eine stationäre Therapie zu beginnen. Ich überlegte, stimmte zu. Ich sah die Chance, mit fachlicher Hilfe mein Leben positiv umzukrempeln. Ich glaube, ich habe diese Chance gut genutzt!

Lieber Leser, mit dieser ausführlichen Schilderung wollte ich Ihnen (und mir selbst noch einmal) praktisch vor Augen führen, wie es zu einer Angsterkrankung kommen konnte. Vielleicht gibt es ja Parallelen zu Ihrem Krankheitsverlauf. Ging es Ihnen auch so? Schon beim Lesen dieses Kapitels wurde ich auf Dinge aufmerksam, die ich vorher nicht bewußt wahrgenommen hatte: Selbstüberschätzung, Raubbau mit der eigenen Energie, zu hohe Erwartungen, Vernachlässigung der Familie… Na, dämmerts?

Auf jeden Fall habe ich beim Schreiben den Eindruck gehabt, die Geschehnisse neu aufleben zu lassen. Ich war ganz schönnervös und habe gezittert. Später wurde ich ganz ruhig.

Copyright © Roland Rosinus